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Hugo von Hofmannsthal: Jedermann [Text]

Hugo von Hofmannsthal (1874-1929) schrieb zu seinem Stück "Jedermann": "Dieser Erneuerung des alten Spieles liegt für den Aufbau vornehmlich der anonyme englische Text des fünfzehnten Jahrhunderts zugrunde. (Everyman, a morality play, gedruckt zu London um 1490.) Aus des Hans Sachs 'Comedi vom sterbend reichen Menschen' wurde manches einzelne herübergenommen, zumeist in den Anfangsszenen. In der Szene der Mutter ist ein gereimtes Gebet eingewoben, das von Albrecht Dürer stammt. Das Tanzlied und die übrigen Lieder sind einer neueren Sammlung der Minnesänger des dreizehnten Jahrhunderts entnommen." Untenstehender Text richtet sich weitgehend nach der ursprünglichen Version (ohne Regieanweisungen).

Hugo von Hofmannsthal: Jedermann (Salzburg)
Foto © Andreas Hollinek. Anfragen zu Werbe- und Fotoaufträgen an hollinek@50plus.at

Spielansager: Jetzt habet allsamt Achtung Leut Und hört was wir vorstellen heut! Ist als ein geistlich Spiel bewandt Vorladung Jedermanns ist es zubenannt. Darin Euch wird gewiesen werden, Wie unsere Tag und Werk auf Erden Vergänglich sind und hinfällig gar. Der Hergang ist recht schön und klar, Der Stoff ist kostbar von dem Spiel Dahinter aber liegt noch viel Das müßt Ihr zu Gemüt führen Und aus dem Inhalt die Lehr ausspüren.

Gott: Fürwahr mag länger das nit ertragen, Daß alle Kreatur gegen mich Ihr Herz verhärtet böslich, Daß sie ohn einige Furcht vor mir Schmählicher hinleben als das Getier. Des geistlichen Auges sind sie erblindt In Sünd ersoffen, das ist was sie sind, Und kennen mich nit für ihren Gott, Ihr Trachten geht auf irdisch Gut allein Und was darüber, das ist ihr Spott, Und wie ich sie mir anschau zur Stund So han sie rein vergessen den Bund Den ich mit ihnen aufgericht hab Da ich am Holz mein Blut hingab. Auf daß sie sollten das Leben erlangen Bin ich am Marterholz gehangen. Hab ihnen die Dörn aus dem Fuß getan Und auf meinem Haupt sie getragen als Kron. So viel ich vermocht, hab ich vollbracht Und nun wird meiner schlecht geacht. Darum will ich in rechter Eil Gerichtstag halten über sie Und Jedermann richten nach seinem Teil. Wo bist du, Tod, mein starker Bot? Tritt vor mich hin.

Tod: Allmächtiger Gott, hier sieh mich stehn, Nach deinem Befehl werd ich botengehn.

Gott: Geh du zu Jedermann und zeig in meinem Namen ihm an Er muß eine Pilgerschaft antreten Mit dieser Stund und heutigem Tag Der er sich nicht entziehen mag. Und heiß ihn mitbringen sein Rechenbuch Und daß er nicht Aufschub, noch Zögerung such.

Tod: Herr, ich will die ganze Welt abrennen Und sie heimsuchen Groß und Klein, Die Gotts Gesetze nit erkennen Und unter das Vieh gefallen sein. Der sein Herz hat auf irdisch Gut geworfen, Den will ich mit einem Streich treffen, Daß seine Augen brechen Und er nit findt die Himmelspforten Es sei denn, daß Almosen und Mildtätigkeit Befreundt ihm wären und hilfsbereit.

Jedermann: Spring du um meinen Hausvogt schnell, Muß ihm aufgeben einen Befehl. Mein Haus hat ein gut Ansehn, das ist wahr, Steht stattlich da, vornehm und reich, Kommt in der Stadt kein andres gleich. Hab drin köstlichen Hausrat die Meng, Viele Truhen, viele Spind, Dazu ein großes Hausgesind, Einen schönen Schatz von gutem Geld Und vor den Toren manch Stück Feld, Auch Landsitz, Meierhöf voll Vieh, Von denen ich Zins und Renten zieh, Daß ich mir wahrlich machen mag, So heut wie morgen fröhliche Tag.

Jedermann: Vogt, bring einen Säckel Geldes straff, Den hab ich vergessen in Gürtel zu tun, Und merk, was ich dir noch anschaff: Für morgen wird ein Frühmahl gericht, Das muß bereit’t sein aufs allerbest Kommen Verwandte und fremde Gäst. Der Tisch muß prächtig sein bestellt, Schick her den Koch, du geh ums Geld. Ein köstlich Frühmahl befehl ich an Für morgen.

Koch: Ja, und soll ich dann Einen jeden Gang bereiten frisch?

Jedermann: Daß dich das Fieber rüttel, frisch! Kein Überbleibsel auf meinen Tisch.

Koch: Es wär von gestern geblieben die Meng Zumindest für zwei kalte Gäng.

Jedermann: Du Esels-Koch bist so vermessen, Soll ich eine Bettlermahlzeit essen? Acht du auf meine Mägd und Knecht, Gefallen mir allermaßen nit recht. Dafür stehst du an der obersten Stell, Daß du auf sie – da kommt mein Gesell. Hätt beinah müssen auf dich warten, Wir wollen jetzt vors Stadttor gehen Und uns dort das Grundstück ansehen, Obs tauglich ist für einen Lustgarten.

Gesell: Hast Fortunati Säckel in der Hand, Dann ist die Sach schon recht bewandt. Ja, bei dir gilts: gewünscht ist schon getan, Du hasts danach, drum steht dirs an.

Armer Nachbar: Das ist des reichen Jedermann Haus. Oh, Herr, dich bitt ich überaus Wollest dich hilfreich meiner erbarmen, Mildtätig beistehn einem Armen.

Gesell: Ja, wie gesprochen, wir müssen eilen, Dürfen uns gar nit länger verweilen.

Armer Nachbar: Oh, Jedermann, erbarm dich mein.

Gesell: Kennst du leicht das Gesicht?

Jedermann: Ich? Wer solls sein?

Armer Nachbar: Oh, Jedermann, zu dir heb ich die Hand, Hab auch einst bessre Tag gekannt. War einst dein Nachbar, Haus bei Haus, Dann hab ich müssen weichen draus.

Jedermann: Schon gut!

Armer Nachbar: Das ist eine Gabe gering.

Jedermann: Meinst du? Gottsblut! So reut mich doch das Ding.

Armer Nachbar: Davon mein nachbarlich Bruderteil, So wär ich wieder gesund und heil.

Jedermann: Davon?

Armer Nachbar: Es ist an dem, ich knie vor dir, Nur diesen Beutel teil mit mir.

Jedermann: Nur?

Gesell: Selbig ist besessen alls! Hättst tausend Bettler auf dem Hals. Was tausend, hunderttausend gleich!

Armer Nachbar: Bist allermaßen mächtig reich. Teilst du den Beutel auf gleich und gleich, Dir bleiben die Truhen voll im Haus, Dir fließen Zins und Renten zu.

Jedermann: Mann, wer heißt dich, mein Schrank und Truh, Mein Zins und Rent in Mund nehmen?

Gesell: Ich tät mich allerwegen schämen.

Jedermann: Laß! – Mann, da bist du in der Irr, Wenn du meinst, ich könnt ohnweilen Den Beutel Geld da mit dir teilen. Das Geld ist gar nit länger mein, Muß heut noch abgeliefert sein Als Kaufschilling für einen Lustgarten. Ich steh dem Verkäufer dafür im Wort, Er will aufs Geld nit länger warten.

Armer Nachbar: Wenn dieses Geld für den Garten ist, So brauchts für dich nur einen Wink, Für einen Beutel hast du zehn, Heiß einen andern bringen flink, Den teil mit mir, bist du ein Christ.

Jedermann: Der nächste, brächt man ihn herbei, Der Beutel, der wär auch nit frei. Mein Geld muß für mich werken und laufen Mit Tod und Teufel hart sich raufen, Weit reisen und auf Zins ausliegen, Damit ich soll, was mir zusteht, kriegen. Auch kosten mich meine Häuser gar viel, Pferd halten, Hund und Hausgesind Und was die andern Dinge sind, Die alleweil zu der Sach gehören, Lustgärten, Fischteich, Jagdgeheg, Das braucht mehr Pfleg als ein klein Kind, Muß stets daran gebessert sein, Kost’ alls viel Geld, muß noch viel Geld hinein. „Ein reicher Mann“ ist schnell gesagt, Doch unsereins ist hart geplagt Und allerwegen hergenommen, Das ist dir nicht zu Sinn kommen! Da läufts einher von weit und breit Mit Anspruch und Bedürftigkeit Tät unsereins nit der Schritte drei Von hier bis an die nächste Wand Ohn eine allzeit offne Hand. Ist alls schon recht, muß nur dafür Ein Fug und ein Gesetz auch walten Und jeglich Teil daran sich halten. Und achten gnau was ihm gebühr: Dawider hast du dich verfehlt, Wär all mein Geld und Gut gezählt Und ausgeteilt auf jeglichen Christ, Der Almosens bedürftig ist, Es käm mein Seel nit mehr auf dich Als dieser Schilling sicherlich, Drum empfang ihn unverweil, Ist dein gebührend richtig Teil.

Gesell: Dem hast dus geben recht mit Fug, Ja, das weiß Gott, viel Geld macht klug.

Jedermann: Nun wollen wir gehen, es dustert schon.

Gesell: Was ist das für einer Mutter Sohn, Den sie da bringen hergeführt, Die Arme kreuzweis aufgeschnürt? Mich dünkt, das geht an ein Schuldturmwerfen, Hätt sich auch mehr in acht nehmen derfen. Jetzt muß er’s bei Wasser und Brot bedenken Oder sich an einen Nagel henken. Ja, Mann, du hast halt ein Reimspiel trieben Und Schulden auf Gulden, die reimen gar gut.

Schuldknecht: Hat mancher sein Schuldbuch nit in der Hut Und ist drin vieles in Übel geschrieben.

Jedermann: Auf wen geht das?

Schuldknecht: Auf den, der fragt allweil.

Jedermann: Bins nit bewußt für meinen Teil, Weiß nit, für wen du mich willst nehmen.

Schuldknecht: In deiner Haut wollt ich mich schämen.

Jedermann: Gibst harte Wort mir ohn Gebühr, Dir gehts nit wohl, was kann ich dafür?

Schuldknecht: Für harte Stöß sind sanft meine Wort.

Jedermann: Wer stößt dich?

Schuldknecht: Du, an einen harten Ort.

Jedermann: Ich kenn dich auch vom Ansehen nit.

Schuldknecht: Ist doch dein Fuß, der auf mich tritt.

Jedermann: Das wär mir seltsam, daß ich so tät Und nichts davon in Wissen hätt.

Schuldknecht: Dein Nam steht auf einem Schuldschein, Der bringt mich in diesen Kerker hinein.

Jedermann: Bei meinem Patron, was geht’s mich an?

Schuldknecht: Bist doch der selbige Jedermann, In dessen Namen und Antrag Beschehn ist wider mich die Klag! Daß ich in einen Turm werd bracht Geschieht allein durch deine Vollmacht.

Jedermann: Ich wasch in Unschuld meine Händ Als einer, der diese Sach nit kennt.

Schuldknecht: Deine Helfers-Helfer und Werkzeug halt, Die tun mir Leibes- und Lebensgewalt. Der Hintermann bist du von der Sach, Das bring dir zeitlich und ewig Schmach. In Grund und Boden sollst dich schämen.

Jedermann: Wer hieß dich Geld auf Zinsen nehmen? Nun hast du den gerechten Lohn. Mein Geld weiß nit von dir noch mir Und kennt kein Ansehen der Person. Verstrichne Zeit, verfallner Tag, Gegen die bring deine Klag.

Schuldknecht: Er höhnt und spottet meiner Not! Da seht ihr einen reichen Mann. Sein Herz weiß nichts von Gotts Gebot, Hat tausend Schuldbrief in seinem Schrein Und läßt uns Arme in Not und Pein.

Schuldknechts Weib: Kannst du dich nit erbarmen hier, Zerreißen ein verflucht Papier, Anstatt daß meinen Kindern da Der Vater wird in Turm geschmissen, Von dem dir nie kein Leid geschah! Hast du kein Ehr und kein Gewissen, Trägst du mit Ruh der Waisen Fluch Und denkst nit an dein eigen Schuldbuch, Das du mußt vor den Richter bringen, Wenns kommt zu den vier letzten Dingen?

Jedermann: Weib, du sprichst was du schlecht verstehst, Es ist aus Bosheit nit gewest Man hat sich voll und recht bedacht, Eh man die scharfe Klag einbracht. Geld ist wie eine andere War Das sind Verträg und Rechte klar.

Gesell: Wär schimpflich um die Welt bestellt Wenns anders herging in der Welt.

Schuldknechts Weib: Geld ist ein Pfennig, den eins leiht Dem Nächsten um Gottes Barmherzigkeit.

Schuldknecht: Geld ist nicht so wie andre War Ist ein verflucht und zaubrisch Wesen, Wer seine Hand ausreckt darnach Nimmt an der Seele Schaden und Schmach, Davon er nimmer wird genesen. Des Satans Fangnetz in der Welt Hat keinen andern Nam als Geld.

Jedermann: Du lästerst als ein rechter Narr, Weiß nicht wozu ich hier verharr, Gibst vor, du achtest das Geld gering Und war dir schier ein göttlich Ding! Nun möchtest ihm sein Ansehen rauben, Bist wie der Fuchs mit sauern Trauben. Doch wer so hinterm Rücken schmäht, Der findt keinen Glauben für seine Red.

Schuldknecht: Aus meinen Leiden hab ich Gewinn Daß ich vermag in meinem Sinn Des Teufels Fallstrick zu erkennen Und meine Seel vom Geld abtrennen.

Gesell: Geld ist längst abgetrennt von dir Drum hast dort im Turm Quartier.

Jedermann: Nimm die Belehrung von mir an Das war ein weiser und hoher Mann Der uns das Geld ersonnen hat, An niederen Tauschens und Kramens statt Dadurch ist unsere ganze Welt In ein höher Ansehen gestellt Und jeder Mensch in seinem Bereich Schier einer kleinen Gottheit gleich. Daß er in seinem Machtbezirk Gar viel hervorbring und bewirk. Gar vieles zieht er sich herbei Und ohn viel Aufsehen und Geschrei, Beherrscht er abertausend Händ, Ist allerwegen ein Regent. Da ist kein Ding zu hoch noch fest, Das sich um Geld nicht kaufen läßt. Du kaufst das Land mitsamt dem Knecht Ja, von des Kaisers verbrieftem Recht Das alle Zeit unschätzbar ist Und eingesetzt von Jesu Christ Davon ist ein gerechtsam Teil Für Geld halt allerwegen feil, Darüber weiß ich keine Gewalt, Vor der muß jeglicher sich neigen Und muß die Reverenz bezeigen Dem, was ich da in Händen halt.

Schuldknechts Weib: Du bist in Teufels Lob nit faul, Wie zu der Predigt geht dein Maul. Gibst da dem Mammonsbeutel Ehr, Als obs das Tabernakel wär.

Jedermann: Ich gebe Ehr, wem Ehr gebühr, Und läster nicht wo ich die Macht verspür.

Schuldknecht: Was hilft dein Weinen, liebe Frau, Der Mammon hat mich in der Klau. Warum hab ich mich ihm ergeben, Nun ists vorbei mit diesem Leben.

Schuldknechts Weib: Kannst du das sehn und stehst wie Stein? Wo bett ich heut die Kinder mein?

Jedermann: Tu mirs zulieb, geh da hint nach Und sieh im stillen zu der Sach. Der Mann kommt in Turm, da mag nichts frommen, Dem Weib gewähr ich ein Unterkommen Und was sie nötig hat zum Leben Zusamt den Kindern, das will ich ihr geben. Mein Hausvogt soll mir darnach sehn Und ihr freimachen eine Kammer Doch will ich Plärrens ledig gehn Ihre Not nicht wissen, noch Gejammer. Das ist ein erzverdrießlich Sach Man lebt geruhig vor sich hin Hat wahrlich Böses nit im Sinn Und wird am allerschönsten Tag Hineingezogen und weiß nit wie In Hader, Bitternis und Klag Und aufgescheucht aus seiner Ruh. Ich frag dich, wie komm ich dazu: Was geht mich an dem Kerl sein Taglauf? Er hats halt angelegt darauf, Nun steckt er drin, schreit ach und weh Das folgt halt wie aufs A das B. Ein Häusel baun mit fremdem Geld, Wer also haust, um den ists so bestellt. Das ist seit Adams Zeit der Lauf, Ist nit erst kürzlich kommen auf. Zum Schluß aber tät ers in d’ Schuh schieben, Dem, so er Haufen Geldes schuldig blieben. Dess Langmut und Geduld arg viel Hat müssen herhalten zu dem Spiel Der selbig erbarmungsvolle Mann Der wär ihm gar ein Teufel dann. Jetzt aber, daß ich es ehrlich sag, Steht mir der Sinn nit mehr darnach, Daß ich einen Lustgarten anschau, Auch wird es duster schon und grau. Tu mir die Lieb, mein guter Gesell, Wenn du das andre besorgt hast schnell, Trag den Kaufschilling da zurecht, Weil die Versäumnis mir Ärgernis brächt. Der Garten zusamt dem Lusthaus drein Soll alls für meine Freundin sein Auf einen Jahrtag ein Angebind.

Gesell: Bei der ich dich doch heut Abend find? Ich bring dir den Kaufbrief gleich dahin Ausgefertigt nach deinem Sinn.

Jedermann: Hab vielen Dank, du guter Gesell, Mich drängts, daß ich dort hinkomm schnell Ist doch der einzige Ort in der Welt, Wo nichts mir meine Lust vergällt. Ist recht ein paradiesisch Gut Was ihre Lieb mir bereiten tut. Darum hab ich im Willen dies Ding Daß ich ein Angebind ihr bring, Darin ich wie in einem Gleichnis und Spiegel Ihr meine Dankbarkeit besiegel.

Gesell: Wie willst das tun, in welcher Weis?

Jedermann: Dazu richt ich den Garten mit Fleiß Und stell inmitten ein Lusthaus hin, Das bau ich recht nach meinem Sinn Als einen offenen Altan Mit schönen steinernen Säulen daran Auch springende Wasser und erzene Bild Die sollen nicht fehlen zur vollen Zier Und dann ich die Anlag also führ, Daß unter dem Morgen- und Abendwind Ein Ruch von Blumen mancher Art Daherstreich allezeit gelind Von Lilien, Rosen und Nelken zart. Auch führ ich jederseits Gäng und Bogen Von Buschwerk alls so dicht gezogen, Daß eines noch zu hellem Mittag Sich Kühl und Frieden finden mag Und einen ungequälten Ort, Der von der Sonne niemals dorrt. Desgleichen an einer verborgenen Stätte Recht wie der Nymphe quillend Bette Laß ich aus kühlem glatten Stein Eine fließende Badstub errichtet sein.

Gesell: Das wird ein köstlich Gärtlein, fürwahr, Und seinesgleichen nit leicht zu finden.

Jedermann: Das will ich meiner Liebsten einbinden Und nehm sie dann an beide Händ Und führ sie hinein, damit sie erkennt In diesem Gärtlein köstlich und mild Ihr eigen abgespiegelt Bild. Die allzeit liebreich mich ergetzt Mit Hitz und Schattenkühl mich letzt Und einem verschlossenen Gärtlein gleich Den Gärtner selig macht und reich.

Gesell: Da seh ich deine Frau Mutter kommen, Wird dir jetzt die Begegnung frommen?

Jedermann: Drück mich nit gern vor ihr beiseit, Hab aber wahrlich nit viel Zeit. Geh du, bring mir zurecht die Ding, Indessen ich meinen Gruß darbring.

Jedermanns Mutter: Bin froh, mein Sohn, daß ich dich seh Geschieht mir so im Herzen weh Daß über weltlich Geschäftigkeit Dir bleibt für mich geringe Zeit.

Jedermann: Die Abendluft ist übler Art Und deine Gesundheit gebrechlich und zart, Kann dich mit Sorgen nur hier sehn Möchtest nit ins Haus eingehn?

Jedermanns Mutter: Gehst du dann mit und bleibst daheim?

Jedermann: Für diesen Abend kanns nit wohl sein.

Jedermanns Mutter: So darfst dich nit verdrießen lassen, Daß ich dich halt hier auf der Gassen.

Jedermann: Ist mir gar sehr um deine Gesund Vielleicht wir könnten zu anderer Stund –

Jedermanns Mutter: Um meine Gesundheit kein Sorg nit hab, Ich steh mit einem Fuß im Grab. Mir gehts nit um mein zeitlich Teil, Doch dester mehr ums ewig Heil. Verziehst du dein Gesicht, mein Sohn, Wenn ich die Red anheb davon? Und wird die Frag dich recht beschweren, Wenn ich dich mahn, ob deine Seel Zu Gott gekehrt ist, ihrem Herrn? Trittst hinter dich vor Ungeduld Und mehrest lieber Sündenschuld, Als in dich gehen ohne Spott Und recht betrachten deinen Gott? Da doch von heut auf morgen leicht, Eine Botschaft dich von ihm erreicht Du sollest vor seinen Gerichtstuhl gehen Und von deinem ganzen Erdenleben Eine klare Rechnung vor ihm geben.

Jedermann: Frau Mutter, spotten ist mir fern Doch weiß ich, die Pfaffen drohen halt gern. Das ist nun einmal ihr Sach in der Welt, Ist abgesehen auf unser Geld, Damit sies bringen auf ihre Seit, Sie wissens zu fädeln gar gescheit. Doch kränkts mich wie sie Alten und Kranken In Kopf nichts bringen, als finstre Gedanken.

Jedermanns Mutter: Die Finsternis ist wo anders dicht, Doch solche Gedanken sind hell und licht. Wer recht in seinem Leben tut, Den überkommt ein starker Mut Und ihn erfreut des Todes Stund Darin ihm Seligkeit wird kund. Oh, wem die Stunde des Tods allweg Recht wohl betrachtet am Herzen läg Um den braucht einer Mutter Herz Nit Sorgen tragen und üblen Schmerz.

Jedermann: Wir sind gute Christen und hören Predig Geben Almosen und sind ledig.

Jedermanns Mutter: Wie aber, wenn beim Posaunenschall Du von deinen Reichtümern all Ihm sollst eine klare Rechnung geben Um ewigen Tod oder ewiges Leben? Mein Sohn, es ist ein arg Ding zu sterben, Doch ärger noch auf ewig verderben.

Jedermann: Auf vierzig Jahre bin ich kaum alt, Mich wird eins halt nit mit Gewalt Von meinen irdischen Freuden schrecken.

Jedermanns Mutter: Willst du den Kopf in den Sand stecken Und siehst den Tod nit, Jedermann, Der mag allstund dich treten an?

Jedermann: Bin jung im Herzen und wohl gesund Und will mich freuen meine Stund, Es wird die andere Zeit schon kommen, Wo Buß und Einkehr mir wird frommen.

Jedermanns Mutter: Das Leben flieht wie Sand dahin, Doch schwer umkehret sich der Sinn.

Jedermann: Frau Mutter, mir ist das Reden leid, Hab schon gesagt, hab heut nit Zeit.

Jedermanns Mutter: Mein lieber Sohn!

Jedermann: Bin sonst allzeit Gehorsam gern und dienstbereit.

Jedermanns Mutter: Meine Red ist dir verdrießlich sehr, Das macht mich doppelt kummerschwer, Mein guter Sohn, ich hab ein Ahnen, Ich werd dich nimmer lang ermahnen. Fall dir zur Last noch kurze Zeit, Weil ich von hier mich bald abscheid. Doch du bleibst dann allein dahint Und bist mein unberaten Kind. So sag ich dir halt nur ein Wort, Das dich mit langer Red nit kränk, Sei deines Herrn Gotts eingedenk. Und auch seiner großen Gnadenspend, Der sieben heiligen Sakrament. Davon ein jegliches uns frommt Und unserer Schwäch zu Hilfe kommt Ein jegliches in besonderer Weis Uns stärket auf dieser Lebensreis.

Jedermann: Was soll –

Jedermanns Mutter: Du bist ein stattlicher Mann Und Frauenlieb steht dir wohl an. Und hat denn unser Erlöser nicht, Der weiß, woran es uns gebricht, Und alles auf dieser Erden kennt Und alls zu unserem Segen wendt, Ein Sakrament nit eingesetzt Wodurch was also dich ergetzt Verwandelt wird und kehret sich um Aus Wollust in ein Heiligtum! Willst stets in arger Zucht umtreiben Und fremd die heilige Eh dir bleiben?

Jedermann: Frau Mutter, die Red ist mir bekannt.

Jedermanns Mutter: Hat doch dein Herz nit umgewandt.

Jedermann: Ist halt noch allweil die Zeit nit da.

Jedermanns Mutter: Und doch der Tod schon gar so nah.

Jedermann: Ich sag nit ja, sag auch nit nein.

Jedermanns Mutter: So muß ich allweg in Ängsten sein.

Jedermann: Auch morgen ist halt noch ein Tag.

Jedermanns Mutter: Wer weiß, wer den noch sehen mag.

Jedermann: Macht euch nit unnütze Beschwerden, Ihr seht mich sicher noch ehlich werden.

Jedermanns Mutter: Mein guter Sohn, für dieses Wort Will ich dich segnen immerfort, Sei viel bedankt, daß mir dein Mund So schönen Vorsatz machet kund.

Jedermann: Hab nit von heut noch morgen geredt.

Jedermanns Mutter: Wenn nur dein Wille dagegen nit steht. Einer Mutter Herz ist wohl gestellt Wo nur ein gutes Wörtlein hinfällt. Dein Vorsatz ist noch klein und schwach, Zielt doch auf eine heilige Sach Und daß du so geantwort’ hast, Nimmt von der Brust mir schwere Last.

Jedermann: Viel gute Nacht, Frau Mutter nun, Ich wünsch, du mögest sänftlich ruhn.

Jedermanns Mutter: So will ich, mein lieber guter Sohn, Und ist mir doch als ob ein Ton Gar schön wie Flöten und Schalmein In deine Worte tön herein! An solchen Zeichen und Gesicht Mirs dieser Tage nit gebricht. Ich nehm sie als eine Vermahnung hin, Daß bald ich eine Sterbende bin.

Jedermann: Nun hör ich auch ein solch Getön, Sollt also seltsam dies zugehen? O, nein, das geschieht natürlicher Weis Wie wohl ichs noch nit zu deuten weiß. Nun aber gehts nit bloß ins Ohr, Tritt auch den Augen was hervor. –

Jedermann: Das ist ja meine Buhle wert, Nach der mein Herz schon hart begehrt. Hat Spielleut mit eine ganze Schar Und kommt mich abzuholen gar.

Buhlschaft: Wer alls lang auf sich warten läßt Und ist der wertest aller Gäst, Den muß man mit Zimbeln und Windlicht Abholen und führen zu seiner Pflicht.

Jedermann: Du schlägst die Lichter mit eigenem Schein, Deine Red ist süßer als Schalmein, Ist alls für mich zu dieser Stund Wie Balsam für die offne Wund.

Buhlschaft: War mir doch, eh ich zu dir trat, Als ob dir jemand nahe tat Und wär dein helle Stirn und Wangen Von einer Trübnis überhangen.

Jedermann: Wie, gelt ich also viel vor dir, Daß du solch Ding erspähst an mir? So bin ich dir wahrhaftig dann Kein ältlich, unbequemer Mann?

Buhlschaft: Mit dieser Red geschieht mir weh, Dess’ ich zu dir mich nit verseh. Steh nit auf grüne Buben an, Du bist mein Buhl und lieber Mann.

Jedermann: Fühl mich wahrhaftig herzensjung Und selber bubenhaft genung, Und wenn ich alls kein Bub mehr bin, So zärtlicher ist drum mein Sinn.

Buhlschaft: Ein Bub liebt frech und ohne Art, Ein Mann ist großmütig und zart. Hat milde Händ und steten Sinn, Das zieht zu ihm die Frauen hin.

Jedermann: Wenn eins gemahnt wär an den Tod Und hätt Melancholie und Not Und säh auf deine Lieblichkeit, Dem tät sein trübes Denken leid.

Buhlschaft: Das Wort allein macht mir schon bang, Der Tod ist wie die böse Schlang, Die unter Blumen liegt verdeckt, Darf niemals werden aufgeweckt.

Jedermann: Du Süße, schaff ich dir noch Sorgen? Wir lassen sie unter Blumen verborgen Und wissen nirgend nichts von Schlangen, Als zweien, die gar hold umfangen.

Buhlschaft: Wie, wären die mir auch bekannt, Wie werden diese denn genannt?

Jedermann: Das sind die lieben Arme dein, In diese sehn ich mich hinein.

Vorsänger: Ein Freund hat uns beschieden, Er heißet Jedermann, Der Mann ist guter Art, Hat eine Freundin zart, Drum blieb er ungemieden Und hat er uns beschieden, So treten wir heran.

Alle: Wohlauf antreten In fröhlichem Tanz, Schalmeien, Drommeten Wir sein hier gebeten Zu Fackeln und Glanz Und kommen mit Tanz. Wir waren mit Blicken Nit zaghaft und bang, Nun gehts an ein Drücken Recht nah und gedrang, Wir wollen uns verstricken Und schlingen den Kranz, So wollen wir vorrücken, Das ehret den Tanz. Ein jeder erwähle Mit liebendem Sinn Und keiner verhehle Seiner Freuden Gewinn. Wir wollen uns umstricken, Das wärmet das Blut, So wollen wir vorrücken Mit fröhlichem Mut.

Jedermann: Seid allesamt willkommen sehr, Erweist mir heut die letzte Ehr.

Fräulein: Daß ist ein sonderlicher Gruß.

Dicker Vetter: Potz Maus, mein Vetter Jedermann, Wie grüßt ihr uns, was ficht euch an?

Buhlschaft: Was ist dir, was schafft dir Verdruß?

Jedermann: Ist unversehens zu Mund so kommen, Ich heiß euch alle recht schön willkommen!

Buhlschaft: Nehmt, wie der Sinn euch steht, die Plätz! Ihr Buben, reicht Handwasser jetzt! Was stehst du da und siehst so fremd?

Jedermann: Sie sitzen ja alle im Totenhemd!

Buhlschaft: Was ficht dich an, bist du mir krank?

Jedermann: Haha! ein ungereimter Gedank! Ich trink jetzt einen Becher Wein, Der macht das Hirn von Dämpfen rein.

Buhlschaft: Sitz! red zu ihnen ein freundlich Wort!

Jedermann: Ihr Leute, seid ihr auch recht am Ort? Ihr sehet mächtig fremd mir aus.

Dünner Vetter: Potz Velten, Vetter Jedermann, Wollt Ihr uns wiedrum treiben fort?

Dicker Vetter: Das schafft Ihr nicht so leicht, Potz Maus, Dazu ist Euer Koch zu gut, Auch geht der Wein recht warm ins Blut, Freu mich, daß ich hier seßhaft bin.

Jedermann: Jawohl ... nur bloß ... mir steht zu Sinn, Wie ihr da seid hereingelaufen, So könnte ich euch alle kaufen Und wiederum verkaufen auch, Daß es mir nit so nahe ging Als eines Fingernagels Bruch.

Ein Gast: Was soll uns dieser grobe Spruch?

Fräulein: Was meint er nur mit diesem Ding?

Dicker Vetter: Die Reden sind sonst nit sein Brauch.

Buhlschaft: Geht die Red gleicherweis auf mich?

Ein Gast: Ist recht eines reichen Manns Red, Gar überfrech und aufgebläht.

Buhlschaft: Dein Blick ist starr und fürchterlich, Für was willst du mich strafen, sprich.

Jedermann: Dich strafen, Süße, ist mir fern, Lieb dich gleich meinem Augenstern, Hab müssen denken von ungefähr Wie deine Miene beschaffen wär, Wenn dir auf eins zukäm die Kund, Daß ich müßt sterben zu dieser Stund.

Buhlschaft: Um Christi Willen, was ficht dich an, Mein Buhle traut, mein lieber Mann, Ich bin bei dir, sieh doch auf mich, Dein bin ich heut und ewiglich.

Jedermann: Wenn ich dann spräch: Bleibst du bei mir? Willst dort bei mir sein so wie hier? Willst mich geleiten nach der Stätte Und teilen mein eiskaltes Bette? Fielest ohnmächtig mir zu Füßen, So hätte ich meine Frag zu büßen! Wollt ich trotzdem des Wegs dich locken Tät dir das Blut in Adern stocken, Wäre mir gedoppelt Marterqual Und Gall und Essig allzumal, Wenn ich müßt sehen mit eigenen Augen Wie deine süßen Schwür nit taugen Und wie du lösest deine Händ Aus meinen Händen gar am End Und deinen Mund von meinem Mund Abtrennest in der letzten Stund. O weh.

Buhlschaft: Ihr lieben Vettern und Leut, Mein Liebster ist besonders heut, Weiß nit, wes ich mich soll versehn, Könnt ihr mit Rat mir nit beistehn? Er sitzt nit fröhlich und gepaart Und redt von Dingen aus der Art, Hab nie zuvor ihn so gesehn, Weiß nit was ihm mag sein beschehen!

Dünner Vetter: Potz Velten, Vetter Jedermann, Habt Ihr leicht die Melancholie? Wenn nit, was sonsten ficht Euch an?

Dicker Vetter: Kenn das, sitzt hinterwärts der Stirn Ist eine Trockenheit im Hirn Ist mir von meinem Herrn Vater bekannt Mit ihm wars öfter so bewandt. Mußt brav eines trinken, mit Vergunst Daß dir der Wein das Hirn aufdunst.

Fräulein: Gehört ein Absud in den Wein Von Nießwurz, Veilchen oder Hanf.

Dicker Vetter: Hier Buben machet heiß den Wein Daß er fast glühender aufdampf Und tut ein Zimmet und Ingwer ein.

Fräulein: Hab sagen hören es gibt einen Stein Den trägt die Schwalbe in ihrem Bauch Den haben die großen Ärzt im Brauch Heißt Chelidonius.

Dünner Vetter: Nein Calcedon! Hab öfter reden hören davon. Ist mächtig gegen die Melancholie.

Fräulein: Ich mein, er müßt mit der Sympathie Kuriert sein. Ist giftiger Hauch Im Spiel hier oder böser Blick. Wär mir mein Liebster also krank. Ich täts probieren ohne Wank.

Zweite: Was tätst probieren?

Dritte: Ist geheim! Darf in gemeinem Mund nit sein Verliert sonst seine verborgne Kraft.

Zweite: Von wo hast du die Wissenschaft?

Dritte: Habs halt einmal und gebs nit preis. Sags aber ihr ins Ohren leis.

Gast: Wenn eins halt allzeit lebt zu gut Das schafft ihm ein verdicktes Blut, Einen armen und beschwerten Mann Käm die Melancholie nit an.

Fräulein: Was heißen sie denn die Spielleut nit Anheben mit Blasen und Geigenstreichen Davor muß immer der Trübsinn weichen. Wir wollen anheben zu singen was Davon schon öfter einer genaß.

Gast: Darf aber ein züchtig Lied nur sein.

Anderer: Sie singt nit anders als zart und fein.

Gast: Kennt Ihr das Lied, das anhebt so? „In süßen Freuden geht die Zeit“ Davon so dünkt mich müßt einer zur Stund Wenn er es anhört, werden gesund.

Fräulein: Nein lasset doch, sind wir denn Pfaffen? Was soll ein geistlich Lied uns schaffen?

Gast: Ist nie und nimmer kein Pfaffenlied Der Türmer singts wenn die Sonn aufzieht.

Fräulein: Ich weiß ein anderes singen wir das.

Anderes Fräulein: Ei was?

Gast: Ei was, wenns regnet ist's naß.

Anderes Fräulein: Floret silva undique Um meinen Gesellen ist mir weh.

Gast: Floret silva undique Um ihren Gesellen ist ihr weh.

Fräulein: Er ist geritten von hinnen O weh, wer soll mich minnen!

Gast: Steht auch der Wald voll grünen Schoß Wohin doch ist mein Traugenoß.

Jedermann: Seid fröhlich, Vettern und liebe Gäst, Mir ist nit just recht wohl gewest Ein Trunk hat mich gemacht gesund Nun grüß ich erst meine Tafelrund. War mir als läg was auf der Brust, Nun hab ich doppelt Lebenslust Bin froh daß wir beisammen sein Ist mir ein rechter Freudenwein. Schwillt mir das Herz so übervoll Weiß gar nit wie ichs sagen soll Sind köstlich Ding doch auf der Welt Ist herrlich gar um uns bestellt. Ja Lieb und Freundschaft, die zwei sind viel wert Wer die hat, des Herz nit mehr begehrt. Kommt Wein dazu und Saitenspiel So ist’s schon über Maßen viel. Ich hab Euch recht lieb, Ihr lieben Gäst Ich bitt Euch nützt die Stund aufs Best. Laßt Eure Kehl nit untätig sein Ein Lied geh aus, wo eingeht der Wein. Verschränket Eure Stimmen aufs Best Und haltet sänftlich die Liebste fest. Genützt sei eine schöne Stund Mit Hand und Aug und Herz und Mund! Ja laßt Euch nit lang gebeten sein Und singt uns eins, lieber Vetter mein.

Dicker Vetter: Mein dünner Vetter, o weh o weh Nun kommt sein Lied vom kalten Schnee.

Dünner Vetter: O weh o weh Frau Minne mir ist weh Frau Minne! Greif her wie sehr ich brinne O weh! Ein kalter kalter Schnee Er müßt vor Glut zerrinnen Darin das Herz erstickt! Wollt helfen mir Frau Minnen, Des wär ich hoch beglückt.

Jedermann: Was ist das für ein Glockenläuten! Mich dünkt es kann nichts guts bedeuten Der Schall ist laut und todesbang Schafft mir im Herzen Qual und Drang. Was läuten Glocken zu dieser Zeit?

Gast: Ist nichts zu hören weit und breit.

Anderer: Hat einer läuten hören Glocken?

Fräulein: Was Glocken, was wird von Glocken geredt?

Anderer: Wär eins zu früh zur Morgenmett!

Buhlschaft: Ich bitt Euch laßt das Singen nit stocken.

Gast: Hat einer von Euch was läuten hören?

Anderer: Nit läuten meiner Seel noch schlagen.

Buhlschaft: Laßt Euch im Singen doch nit stören.

Jedermann: Ich bitt Euch hat alls nichts zu sagen Jetzt hör ichs nimmer ist alls schon gut.

Dicker Vetter: Kommt alls von einem trägen Blut. Ich laß Euch wärmen ein Becherlein.

Jedermann: Viel Dank, guter Vetter, laßt nur sein. Floret silva undique.

Stimmen: Jedermann! Jedermann! Jedermann!

Jedermann: Mein Gott wer ruft da so nach mir? Von wo werd ich gerufen so? Des werd ich im Leben nimmer froh.

Gesell: Ei, Jedermann, ich bin zur Stell.

Buhlschaft: Sieh, Jedermann, doch, dein lieber Gesell.

Jedermann: Ihr liebe Freundschaft, sagt mir an Wer ruft so gräßlich „Jedermann“?

Dünner Vetter: Hat müssen grad ins Ohr dir dringen Ein Widerhall von ihrem Singen.

Jedermann: Nein, nein! in fürchterlicher Weis Und laut und mächtiglich, nit leis So: Jedermann! und Jedermann! Doch anderster als ich es schaffen kann. Gar fremd und doch bekannt zugleich Aus welchem höllischen Bereich Hats müssen also nach mir schreien Des kann ich mich nimmer getrösten, nein! Jetzt, jetzt! aufs neu, so hört doch an Wie streng sie rufen Jedermann!

Buhlschaft: Ich hör keinen Laut.

Dicker Vetter: Ich hör keinen Schall.

Dünner Vetter: Auch nit einen leisen Widerhall.

Gesell: Ist Ohrentrug, siehst nit wohl aus, Soll ich geleiten dich nach Haus?

Jedermann: Wie ich auf Euch die Augen heft So kommen mir zurück die Kräft Ich mein, es könnt ein solches Schrein Kein zweitesmal sich hier anheben. Tut mir recht wohl der Lichterschein. Sitz nieder mein Gesell hierneben Und mögen alle lieben Gäst Zulangen und sich ergetzen aufs Best. Will morgen zu gelegner Zeit Mit einem Arzten Beratung pflegen Daß solche Zufäll aller wegen Er wohlbedacht mir hält hintan.

Buhlschaft: Mußt mirs versprechen, lieber Mann! Müßt ja vor Angst und Sorg vergehn Sollt ich dich öftern also sehn.

Jedermann: Nun aber sag um Gott, mein Lieb, Was brennen die Lichter also trüb? Und wer kommt hinter mir heran? Auf Erden schreitet so kein Mann.

Tod: Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut? Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?

Jedermann: Was fragst um das zu dieser Stund? Bekümmerts dich? wer bist? was solls?

Tod: Von deines Schöpfers Majestät Bin ich nach dir ausgesandt Und das in Eil: drum steh ich da.

Jedermann: Wie, ausgesandt nach mir? Dem möchte wohl so sein. Ei ja.

Tod: Denn ob du ihm gibst wenig Ehr In der himmlischen Sphär denkt er dein In welcher Weis, das soll dir gleich gemeldet sein.

Jedermann: Was will mein Gott von mir?

Tod: Das will ich dich weisen. Abrechnung will er halten mit dir. Unverweilt!

Jedermann: Ganz und gar bin ich unbereit Für solch ein Rechnung legen. Müßt ich das tun, da käm ich in Not Auch kenn ich dich nit, was bist du für ein Bot?

Tod: Ich bin der Tod, ich scheu keinen Mann Tret jeglichen an und verschone keinen.

Jedermann: Was? keine Frist willst du mir geben Und überfällst eins ungewarnt Gar mitten drin im besten Leben Gotts Blut! das ist kein ehrlich Spiel Damit erwirbst dir Ruhm nit viel Denn daß ichs nur sag, bin nit bereit, Mein Schuldbuch auch ist nit so weit Hätt ich für mich so zehn, zwölf Jahr Ich wollt es in der Ordnung han Daß keine Furcht mich gienget an Das wollt ich so steh Gott mir bei. Drum aus Gotts Gnaden laß mich hier Daß ich das Ding zur Ordnung führ.

Tod: Hie hilft kein Weinen und kein Beten Die Reis mußt alsbald antreten.

Jedermann: O Gott der Gnaden auf himmlischen Thron Erbarm dich meiner schweren Not Wird mir zum Gefährten für diesen Weg Kein anderer als du bestellt? Soll ich aus dieser Erdenwelt Hinaus, und kein Geleite haben? Und war doch hier niemals allein, Mußt allerwegen gesellig sein.

Tod: Nun ist Geselligkeit am End Ring nit vergebner Weis die Händ Schleun dich, jetzt gehts vor Gottes Thron Dort empfängest deinen Lohn. Wie, hat dich Narren wollen bedünken Das Erdengut und dies dein Leben Wäre dir alles zu Eigen gegeben?

Jedermann: So war ich vermeinend, wahrhaftig und ja.

Tod: Nichts da, war alls dir nur geliehen. Bist du dahin erbts einen andern Und über eine Weil schlägt dem seine Stund Und er muß alles hier lassen und wandern. Ich komm halt schnell.

Jedermann: Nur einen Tag! Nur diese Nacht bis Sonnaufgehn Das ich mit Reu mög in mich gehn Und hören auf des Priesters Lehr Und bessern mich nach deinem Begehr.

Tod: Dergleichen wird von mir nit erbeten, Wo ich einen Mann tu antreten Den schlag ich auf sein Herz mit Macht Wird vorher kein Anzeig beigebracht.

Jedermann: O weh! Nun ist wohl Weinens Zeit!

Tod: Mit Weinen wird nur Zeit vertan.

Jedermann: Weh über mich was heb ich an Hätt ich ein ledig Stündlein Zeit Mir zu gewinnen ein Geleit. Daß ich nicht mutterkindallein Vor meinem Richter müßte sein.

Tod: Meinst du, daß solches dir gewinnst? Ich sag sie weigern dir den Dienst.

Jedermann: Nur nit allein vor das Gericht! Nur Redens und Ratens ein Stündlein Zeit Um Christi Gotts Barmherzigkeit!

Tod: Meinshalb, ich tret dir aus dem Gesicht, Nur merk vertu nit diese Frist Und nütz sie klüglich als ein Christ.

Jedermann: Mein guter Gesell, du weißts –

Gesell: Ich weiß. War nit fünf Schritt weit, Jedermann! Wie dich der Tod hat treten an! Und hab Euch reden hören alls Schlägt mir das Herz bis an den Hals! Ein froher Mann und kerngesund Das warst du bis zu dieser Stund Nun kommt mich schier das Weinen an Wenn ich dich anschau, Jedermann.

Jedermann: Hab vielen Dank, mein guter Gesell.

Gesell: Was dir noch Not tut, sag du schnell.

Jedermann: Du bist mir wahrhaft ein guter Freund Dich hab ich allzeit treu befunden.

Gesell: Und sollst mich finden zu allen Stunden. Denn glaub du mir, ging deine Reis Geradewegs hinab zur Höll Hie fändest du den Gefährten zur Stell.

Jedermann: Gott steh mir bei du lieber Mann Daß ichs um dich verdienen kann.

Gesell: Ist von Verdienen nit die Sprach, Wär mir die allergrößte Schmach Wollt ichs mit dem Mund mich unterwinden Und sollt man in Taten mich lässig finden.

Jedermann: Mein Freund!

Gesell: Sprich frei, tu auf den Mund Muß alls mir werden offenbart Ich steh bei dir bis zur letzten Stund Recht nach guter Gesellen Art.

Gesell: Dein Jammer geht mir mächtig nah Soll alles was aufs Herz dir druckt Von diesem ganzen Erdenwesen Von mir getreulich sein verwesen. Sag, ist dir von etlichen Leids getan? Sie sollen ihre Strafen han, Von meiner Hand mit scharfem Eisen Und müßt ich darüber ins Gras beißen!

Jedermann: Ist nit um dies mir, bei Gotts Blut!

Gesell: Es geht dir um dein Geld und Gut Das schafft dir große Sorgenlast, Daß keine Leibeserben hast.

Jedermann: Nein, Lieber, nein!

Gesell: Braucht nit viel Wort Bei mir ist dein Vertraun am Ort Der Kaufbrief da ist wohl verwahrt Dir ist um deine Freundin zart Daß deines Reichtums auf sie komm Soviel als ihr auf immer fromm.

Jedermann: Nein, Lieber Guter hör mich an.

Gesell: Spar dir die Reden Jedermann Bist ohne viel von mir verstanden.

Jedermann: Ach! ganz was anders schafft mir Qual Viel näheres, mein guter Gesell!

Gesell: Heraus damit, laß hören schnelle Merk Freundes Mund tröst allemal.

Jedermann: Ja du mein Freund!

Gesell: Willst mich nit weisen? Könnt sein dir blieb sonst nit die Zeit.

Jedermann: O weh, das wär mir bitter leid.

Gesell: Sag deine Sach! Frisch Jedermann. Wo bliebe unsre Freundschaft dann?

Jedermann: Wenn ich dir tät mein Herz aufschließen Und du, du kehrtest den Rücken mir Und ließest dich meine Red verdrießen Des hätte ich wohl zehnfach Gram und Weh!

Gesell: Herr, wie ich zu Euch gesprochen eh So will ich tun.

Jedermann: So dank dir Gott. Mir ist befohlen mich fortzuheben Der Weg ist weit und voll Beschwer Und was dann kommt, noch weit mehr, Denn ich soll eine Rechnung geben Von meinem Reichtum und all meinem Leben Vor meinem Schöpfer und höchsten Richter! Drum also komm mit mein guter Gesell Wie dus versprochen hast zur Stell.

Gesell: Ei ja, das ist schon eine Sach Versprechen und brechen, daß wär mir Schmach Daran nur denken macht mir heiß.

Jedermann: O du!

Gesell: Doch sollt ich antreten die Reis Da heißt es sich beraten und gut.

Jedermann: Was? sprachest doch auf jeglicher Straßen Wolltest nicht lebend noch tot mich verlassen, Und wär es geraden Wegs zur Höll.

Gesell: Richtig, so war meine Red, Hand aufs Herz! Aber die Wahrheit zu vermelden Ist jetzo nicht Zeit für dergleichen Scherz. Ist fast bereits ernsthaft die Sachlag. Und dann, wenn wir die Reis wollten antreten Wann kämen wir wiederum hierher? Ei, gib doch Antwort.

Jedermann: Nimmermehr. Nimmermehr bis an den jüngsten Tag.

Gesell: Dann bei Gotts Tod bleib ich hintan Wenn in dem Sinn die Meldung beschah, Dann stehts, daß ich die Reis nit tu.

Jedermann: Nit tust?

Gesell: Nein, alsdann bleib ich am Ort. Ich sag dir, wie mir ist zu Sinn Du weißt, daß ich freimütig bin. Itzt stehts, daß ich die Reis nit tu Um keiner lebenden Seel fürwahr Auch nit um meines Herrn Vaters Lieb Gott schenk ihm ansonsten die ewige Ruh.

Jedermann: Um Gott! Hast mir was anders versprochen!

Gesell: Weiß wohl. Und ist recht in Treuen beschehn Und so du wolltest was anders begehn Mit Frauen was Gutes in Kumpanei Oder was es sonsten sei Solltest an deiner Seiten mich sehn So lange Gott läßt einen hellen Tag sein Und auch des Nachts bei Fackelschein. Das sag ich in Treuen!

Jedermann: O deiner bedarf ich jetzt gar sehr Jetzt heißt es: Gesell gedenke mein.

Gesell: Ob wir Genossen waren, ob nit Hinfort tu ich mit dir keinen Schritt.

Jedermann: So bitt ich dich, nimm soviel auf dich Um Christi Gotts Barmherzigkeit Und gib mir tröstliches Geleit Bis vor die Stadt.

Gesell: Ich tu dirs nit, Setz einen Fuß nit vor den andern Nit um ein neues Feierkleid Ließest du dir ein wenig Zeit, So wollt ich dich nit allein lassen stehn Nun aber kann ich nit harren bei dir. So geb dir Gott eine schleunige Fahrt Dahin recht sänftlich in guter Art Muß eilends jetzt meines Weges gehn.

Jedermann: Wohin Gesell? Willst mich verlassen ganz und gar?

Gesell: Wohl, wohl. Gott nehm deiner Seelen wahr.

Jedermann: Leb wohl, mein Freund, um dich wird mir mein Herz arg schwer, Leb immer wohl, dich seh ich nun auch nimmermehr.

Gesell: Leb wohl, auch Jedermann, leb wohl am End, gib mir die Hand, Ja, Scheiden tut recht weh, das hab ich jetzt erkannt.

Jedermann: O weh, wohin soll ich nun um Hilf in der Welt. War mein Gesell, solang ich fröhlich war Nun trägt er wenig Leid um mich ganz unverstellt. Hab eh und immer was reden hören Das ging mir aber gar nit nah Bis heute, da mir das geschah. Es hieß: So lang einer im Glück ist Der hat Freunde die Menge, Doch wenn ihm das Glück den Rücken kehrt, Dann verläuft sich das Gedränge. O weh, so siehet das nun aus Schnürt mir die Kehl vor Angst und Graus. Da stehen meine Blutsfreunde ja, Vielliebe Vettern bleibt mir nah. Ihr seid wahrhaftig recht am Ort, Weiß auf der Welt kein schöner Wort Als dieses: Art läßt nicht von Art, Das wird von Euch heut recht gewahrt, Da ihr in dieser schweren Stund Mein Beiständ seid mit Hand und Mund.

Dicker Vetter: Geruhig Blut, mein Vetter Jedermann, Nur ruhig Blut, das ist alls, was ich sagen kann.

Jedermann: Ihr lasset mich auch nit –

Dicker Vetter: Nur ruhig Blut Ist gar von Lassen nit die Sprach, In Stich euch lassen, das wär uns Schmach.

Dünner Vetter: Euch widerfahr so Liebes wie Leides, Mit euch zu teilen begehren wir beides.

Dicker Vetter: Ja, wie gesagt – ei freilich ja! Ihr seht wir stehn euch treulich nah.

Jedermann: O vielen Dank, ihr Blutsfreunde mein.

Dicker Vetter: Da wir doch Anverwandte sein!

Jedermann: Ihr habt gesehn, es kam ein Bot, Der kam auf hohen Königs Gebot.

Dicker Vetter: Ja, – ich weiß, Vetter Jedermann – Die Sach ist eben so bewandt, Daß ich in der nichts machen kann.

Jedermann: Er hieß einer Fahrt mich unterwinden.

Dicker Vetter: Ja, wie gesagt –

Jedermann: Von dieser Fahrt –

Dicker Vetter: Nun, wie gesprochen, Art läßt nicht von Art!

Jedermann: Von dieser Fahrt, das weiß ich wohl, Werd ich nimmer zurücke finden.

Dicker Vetter: Ei nimmer! Ja, wo halt nichts ist, Da hat der Kaiser ’s Recht verloren!

Jedermann: Mein Vetter, hörtet ihr, was ich sprach?

Dicker Vetter: Ihr redet nit zu tauben Ohren.

Dünner Vetter: Ei, nein, wahrhaftig nit, Gotts Not.

Jedermann: Ich werd da nimmer zurücke finden.

Dicker Vetter: Habt ihr auch richtig verstanden den Bot?

Jedermann: Ich ihn?

Dicker Vetter: Die Red und den Verstand Habt ihr das richtig wohl gefaßt?

Jedermann: Ob ich? –

Dicker Vetter: Das war schon, daß ich sag – Ein recht ein ungebetner Gast. Hm, Vetter.

Dünner Vetter: Ja, ich mein, Gott seis geklagt –

Dicker Vetter: So meint ihr auch wie ich? Ja, wie gesagt Ja, Gott befohlen, Vetter Jedermann, Da habt ihr alles, was ich sagen kann.

Jedermann: Ihr Vettern, bleibet, hört mich an!

Dünner Vetter: Hast du vielleicht noch ein Begehr? Sprich kühnlich, Vetter Jedermann.

Jedermann: Ich muß dort eine Rechnung legen Und hab einen Feind, der allerwegen Mir will in meinen Weg treten O hört mich an! mit großer Stärken.

Dicker Vetter: Was denn für Rechnung, sagt doch an.

Jedermann: Von all meinen irdischen Werken: Wie ich meine Tag hab hinbracht Und was ich Arges hab getan Die Jahr all bei Tag und Nacht Drum seid um Christi willen gebeten Und helft mir meine Sach vertreten.

Dünner Vetter: Was, dorthin? Geht es euch auf das! Nein, Jedermann, da geh ich nit Kannst mich nit zum Geleiter kriegen! Wollt lieber in einm finstern Gelaß Bei Wasser und Brot zehn Jahre liegen.

Jedermann: Oh, daß ich nit geboren wär Nun werd ich fröhlich nimmermehr, Wenn ihr mich da verlasset dann.

Dicker Vetter: Ei Mann! Was denn! Sei du fröhlich Mann! Nimm dich und fang nit Jammerns an! Nur eins mußt dir gesagt sein lassen Mich bringst einmal nit in die Gassen.

Jedermann: Mein Vetter willst nit mit mir gehn?

Dünner Vetter: Hab jetzt, Gotts Tod, Krampf in den Zehen Ist ein arg Übel, Jedermann Das fällt mich unversehens an.

Dicker Vetter: Uns wirst nit verführen, das laß nur sein Doch hab ich ein schön gut Kind daheim Die mächtig gern auf Reisen geht Wenn die dir zu Gesichte steht, Die geb ich dir in guter Art, Leicht, daß sie mit dir geht auf deine Fahrt.

Jedermann: Nein, zeig mir an, weß Sinnes du bist Ob ich in meiner ärgsten Pein Von dir soll dran gegeben sein, Ob du willst mit mir gehn oder dahinten bleiben. Das ist alles, was ich wissen muß.

Dicker Vetter: Dahinten bleiben und ein’n schönen Gruß Auf Wiedersehen ein andermal.

Jedermann: Ach Jesus, ist das aller Dinge End, Versprochen haben sie mir gar viel, Vom Halten lassen sie ihre Händ.

Dünner Vetter: Es ist nicht üblich in solcher Weis Die Leut zu beschicken zu einer Reis Dergleichen Anmutung ist nit zart Und hat mir keine rechte Art. Hast deiner leibeignen Knecht genug Die magst dazu aufbieten mit Fug. Aber die lieben Verwandten dein, Sollten da zu wert dir sein.

Jedermann: Leibeigene Knecht, was sollen mir die, Wenn ich die mitnähm, das wär ein Ding, Davon ich Hilfe hätt gering. Ist alls zu End das Freudenmahl Und alle fort aus meinem Saal? Bleibt mir keine andere Hilfe dann, Bin ich denn ein verlorner Mann? Und ganz alleinig auf der Welt, Ist es schon so um mich bestellt, Hat mich Der schon dazu gemacht, Ganz nackend und ohn alle Macht, Als läg ich schon in meinem Grab, Wo ich doch mein warm Blut noch hab Und Knecht mir noch gehorsam sein Und Häuser viel und Schätze mein, Auf! schlagt die Feuerglocken drein! Ihr Knecht nit lungert in dem Haus Kommt allesamt zu mir heraus.

Jedermann: Ich muß schnell eine Reise tun Und das zu Fuß und nit zu Wagen, Gesamte Knecht, die sollen mit Und meine große Geldtruhen, Die sollen sie herbeitragen. Die Reis wird wie ein Kriegszug scharf Daß ich der Schätze sehr bedarf.

Hausvogt: Die schwere Truhn, die drinnen steht?

Jedermann: Ja, eilig, ohne viel Gered. Hab Euch berufen für eine Reis, Daß jeder mir Gehorsam erweis. Die Reis ist seltsam und recht weit Und fordert zuverlässige Leut, Daß sie in aller Still gescheh Des ich zu Euch mich wohl verseh.

Knecht: Die Truhen, die ist marterschwer.

Hausvogt: Ihr tut, was anbefiehlt der Herr.

Jedermann: Nun, wollen wir die Reis angehen, Ganz in der Still, heimlicher Weis.

Knecht: Dort steht ein Teufel und winkt uns Halt.

Hausvogt: Nein, ist der Tod grausamer Gstalt, Er kommt auf uns zu mit Gewalt.

Tod: Du Narr, bald ist die Stund vertan Nimmst immer noch Vernunft nit an. Weißt nit ein recht Geleit zu suchen, Bald wirst verzweifeln und dir fluchen.

Jedermann: Ach Gott, wie graust mir vor dem Tod, Der Angstschweiß bricht mir aus vor Not Kann der die Seel im Leib uns morden Was ist denn gählings aus mir worden? Hab immer doch in bösen Stunden Mir irgend einen Trost ausgfunden. War nie verlassen ganz und gar, Nie kein erbärmlich armer Narr. War immer wo doch noch ein Halt Und habs gewendet mit Gewalt. Sind all denn meine Kräft dahin, Und alls verworren schon mein Sinn, Daß mich kaum mehr besinnen kann, Wer bin ich denn: der Jedermann, Der reiche Jedermann allzeit. Das ist mein Hand, das ist mein Kleid Und was da steht auf diesem Platz, Das ist mein Geld, das ist mein Schatz, Durch den ich jederzeit mit Macht Hab alles spielend vor mich bracht. Nun wird mir wohl, daß ich den seh Recht bei der Hand in meiner Näh. Wenn ich bei dem verharren kann Geht mich kein Graus und Ängsten an. Weh aber, ich muß ja dorthin, Das kommt mir jählings in den Sinn. Der Bot war da, die Ladung ist beschehn Nun heißt es auf und dorthin gehn. Nit ohne dich, du mußt mit mir, Laß dich um alles nit hinter mir. Du mußt jetzt in ein andres Haus Drum auf mit dir und schnell heraus.

Mammon: Ei Jedermann, was ist mit dir? Du bist ja grausamlich in Eil Und bleich wie Kreiden all die Weil.

Jedermann: Wer bist denn du?

Mammon: Kennst vom Gesicht mich nit Und willst mich dorthin zerren mit? Dein Reichtum bin ich halt, dein Geld, Dein eins und alles auf der Welt.

Jedermann: Dein Antlitz dünkt mir nit so gut Gibt mir nit rechten Freudenmut Das ist gleichviel, du mußt mitgehen.

Mammon: Was solls, kann alls von hier geschehen, Weißt wohl, was ich in Mächten hab, Sag was dich drückt, dem helf ich ab.

Jedermann: Die Sach ist anderster bewandt Es ist von wo um mich gesandt.

Mammon: Von –

Jedermann: Ja, es war ein Bot bei mir.

Mammon: Ist es an dem, du mußt von hier?! Ei was, na ja, gehab dich wohl Ein Bot war da, daß er ihn hol Dorthin, das ist ja schleunig kommen Hab vordem nichts derart vernommen.

Jedermann: Und du gehst mit, es ist an dem.

Mammon: Nit einen Schritt, bin hier bequem.

Jedermann: Bist mein, mein Eigentum, mein Sach.

Mammon: Dein Eigen, ha, daß ich nit lach.

Jedermann: Willst aufrebellen, du Verflucht! du Ding!

Mammon: Du, trau mir nit, dein Wut acht ich gering, Wird umkehrt wohl beschaffen sein. Ich steh gar groß, du zwergisch klein. Du Kleiner wirst wohl sein der Knecht Und dünkts dich, anders wärs gewesen, Das war ein Trug und Narrenwesen.

Jedermann: Hab dich gehabt zu meim Befehl.

Mammon: Und ich regiert in deiner Seel.

Jedermann: Warst mir zu Diensten in Haus und Gassen.

Mammon: Ja, dich am Schnürl tanzen lassen.

Jedermann: Warst mein leibeigner Knecht und Sklav.

Mammon: Nein, du mein Hampelmann recht brav.

Jedermann: Hab dich allein gedurft anrühren.

Mammon: Und ich alleinig dich nasführen. Du Laff, du ungebrannter Narr, Erznarr du, Jedermann sieh zu Ich bleib dahier und wo bleibst du? Was ich in dich hab eingelegt Darnach hast du dich halt geregt. Das war ein Pracht und ein Ansehen Ein Hoffart und ein Aufblähen Und ein verflucht wollüstig Rasen, War alls durch mich ihm eingeblasen, Und was ihn itzt noch aufrecht hält Daß er nit platt an’ Boden fällt Und alle Viere von sich reckt Und hält ihn noch emporgestreckt Das ist allein sein Geld und Gut Da hier springt all dein Lebensmut. Fällt aber in die Truhen zurück Und damit ist zu End dein Glück. Bald werden dir die Sinn vergehen Und mich wirst nimmer wiedersehen. War dir geliehen für irdische Täg Und geh nit mit auf deinen Weg, Geh nit, bleib hier, laß dich allein Ganz bloß und nackt in Not und Pein. Ist alls um nichts dein Handausrecken Und hilft kein Knirschen und Zähnebläcken, Fährst in die Gruben nackt und bloß, So wie du kamst aus Mutter Schoß.

Werke: Jedermann!

Werke: Jedermann, hörst mich nicht?

Jedermann: Ist als wenn eins gerufen hätt, Die Stimme war schwach und doch recht klar, Hilf Gott, daß es nit meine Mutter war. Ist gar ein alt, gebrechlich Weib, Möcht, daß der Anblick erspart ihr bleib. O nur so viel erbarm dich mein, Laß das nit meine Mutter sein!

Werke: Jedermann!

Jedermann: Seis wer da will, hab itzt nit Muß Für irdisch Händel und Verdruß.

Werke: Hörst mich nit, Jedermann?

Jedermann: Ist ein krank Weib, Was kümmerts mich, soll sehen wo sie bleib.

Werke: Mein Jedermann, ich gehör zu dir, Um deinetwillen lieg ich hier.

Jedermann: Wie soll denn das bewendet sein?

Werke: Sieh, ich bin all die Werke dein.

Jedermann: Ich will kein Spott, ich sterb allweg.

Werke: Komm doch zu mir den kleinen Weg.

Jedermann: Das wird mit Willen nit geschehen, Meine Werke will ich jetzt nit sehen. Ist nit der Anblick, nach dem mich verlangt.

Werke: Bin schmählich schwach, muß liegen hier, Wär ichs imstand, ich lief zu dir.

Jedermann: Brauch nit ein fremd Gebrest dahier, Liegt Angst und Marter gnug auf mir.

Werke: Mich brauchst, der Weg ist schreckbar weit, Bist annoch ohne ein Geleit.

Jedermann: Des Weges muß ich jetzt allein –

Werke: Nein, ich will mit, denn ich bin dein.

Werke: Auf mir liegt viel Gebrest und Last Indem du mein gedacht nit hast. Ohn dich könnt ich mich flink bewegen Lief dir zu Seit auf allen Wegen.

Jedermann: O Werke mein, mit mir stehts schlecht. Ist mir gar sehr um guten Rat Und das mir eines Hilfe brächt!

Werke: Jedermann, ich hab wohl vernommen Du bist entboten zu deinem Erlöser, Vor ein höchst Gericht zu kommen! Willst du nit gehen verloren, Mann, Tritt nit allein die Wanderung an, Das sag ich dir!

Jedermann: Willst du mit mir?

Werke: Ob ich mit dir den Weg will gehn? Fragst du mich das, mein Jedermann?

Jedermann: Wie du mich sehnlich siehest an Ist mir, als hätt in meinem Leben, Nit Freund, noch Liebste, nit Weib noch Mann Mir keinen solchen Blick gegeben!

Werke: O Jedermann, daß du so später Stund, Dich kehrest zu meinem Aug’ und Mund!

Jedermann: Hast ein Gesicht verhärmt und bleich Und dünkt mich doch an Schönheit reich. Mir ist, je mehr ich dich anseh So mehr wird mir im Herzen weh, Und sänftlich auch, vermischter Weis Daß ich mich nit zu nehmen weiß. Mir ist, könnt deiner Augen Schein Durch meine Augen dringen ein, Ein großes Heil und Segen dann Geschäh an einem armen Mann. Doch weiß ich, dies ist nun versäumt Und jetzt ist alls nur wie geträumt!

Werke: Hättest erkannt in deinem Sinn, Daß ich nit völlig häßlich bin, Wärest bei mir verblieben viel Und fern der Welt und bösem Spiel! Komm näher, meine Stimm ist leis –: Bei Armen wärest eingegangen Recht als ihr Bruder, heiliger Weis, Und göttlich Leid und irdischen Schmerz Die hättest zu lieben angefangen Und aufgegangen wäre dein Herz. Und ich, wie ich gebrechlich bin, Ich wär, verklärt vor deinem Sinn, Dir worden ein göttliches Gefäß, Ein Kelch der überströmenden Gnaden Dazu deine Lippen waren geladen.

Jedermann: Und dich hab ich mögen erkennen nicht! War so verblendet mein Gesicht! O weh, was sind wir für Wesen dann Wenn solches uns geschehen kann!

Werke: Ich war ein Kelch der vor dir stand, Gefüllt vom Himmel bis an den Rand, Von Irdischem war darin kein Ding, Drum schien ich deinen Augen gering.

Jedermann: O könnt ich sie ausreißen beid Mir wär im Dunklen nit so bang Als da sie mich zu bittrem Leid Falsch han geführt mein Leben lang!

Werke: O weh, nun müssen die Lippen dein, Auf ewig ungetränket sein! Hast wollen dich tränken an der Welt, Da ward der Kelch dir weggestellt!

Jedermann: Des fühl ich ein wütendes Dürsten schon Durch alle meine Adern rinnen Und Raserei in allen Sinnen! Da hab ich meines Lebens Lohn!

Werke: Das ist die bitter brennend Reu Das sind deine ungelittenen Leiden! O könnten dein Herz sie schaffen neu, Wie selig wäre das uns Beiden!

Jedermann: So wollt ich ganz zernichtet sein, Wie an dem ganzen Wesen mein Nit eine Fiber jetzt nit schreit Vor tiefer Reu und wildem Leid! Zurück! und kann nit! Noch einmal! Und kommt nit wieder! Graus und Qual! Hie wird kein zweites Mal gelebt! Nun weiß die aufgerissne Brust, Als sie es nie zuvor gewußt, Was dieses Wort bedeuten mag: Lieg hin und stirb, hie ist dein Tag!

Werke: Mag diese Reu, so brennend groß, Mich nit vom Boden winden los, Weh, mag ich nit auf Füßen stehn! Und ihm die Stund zur Seiten gehn! Bin ich so elend schwach und krank!

Jedermann: Für jedes Ding kommt halt der Dank! Werke, um alles! laß mich nit im Stich! Bin sonst verloren sicherlich! Hilf du mir, Rechenschaft zu geben Vor dem, der ist Herr über Tod und Leben Und König in der Ewigkeit, Sonst bin ich verloren für alle Zeit!

Werke: O Jedermann!

Jedermann: Laß mich nit ohne Rat!

Werke: Ich hab eine Schwester, Glaube genannt, Wenn die wollt sich erbitten lassen, Daß sie mit dir zög deine Straßen Und trät mit dir vor Gotts Gericht!

Jedermann: Ruf die um alls! die Zeit entfliecht!

Werke: Mag sein, sie kehrt von dir sich ab, Dann mußt du ungetröst ins Grab. Wirst du recht mit ihr reden können Wird sie dir ihre Hilf vergönnen.

Jedermann: Wenn einer keine Zungen hätt, Die Angst und Not macht ihn beredt!

Werke: War nit von Nöten laut Geschrei, Ich fühl, die Schwester kommt herbei! Lieb Schwester, der Mann ist schwer in Not. Willst ihm beistehn bei seinem Tod? Mir fehlt die Kraft, bin allzuschwach, Kann nit vertreten seine Sach.

Glaube: Hast mich dein Leben lang verlacht Und Gottes Wort für nichts geacht, Geht nun in deiner Todesstund Ein ander Red’ aus deinem Mund?

Jedermann: Ich glaub – ich glaub –

Glaube: Die Red’ ist arm!

Jedermann: O, daß sich meiner Gott erbarm! Ich glaub die zwölf Artikel mit Fleiß Die ich von Kindschulzeiten weiß: Was sie vorstellen ganz und gar, Nehm ich für heilig hin und wahr.

Glaube: Das ist des Glaubens ein ärmlich Teil. Baut dir hinüber keine Brück. Weißt du nit besseres unverweil?

Jedermann: Ich glaub – an Gottes Langmut Wenn einer bei Zeiten Buß tut. Aber ich bin in Sünden zu weit Dahin reicht keine Barmherzigkeit.

Glaube: Bist ganz in Wollust denn ertrunken In Lastern völlig gar versunken, Daß dir nit auf die Lippen kommt Was ewig deiner Seelen frommt?

Jedermann: Ich glaub –

Glaube: Glaubst du an Jesu Christ Der von dem Vater kommen ist, Ein Mensch und unsersgleichen worden Von einem irdischen Weibe geboren, Und hat in Marterqual sein Leben Um deinetwillen hingegeben Und ist erstanden von dem Tod, Daß du versöhnet seist mit Gott?

Jedermann: Ja! Ich glaub: Solches hat er vollbracht, Des Vaters Zorn zunicht gemacht Der Menschheit ewig Heil erworben Und ist dafür am Kreuz verstorben. Doch weiß ich, solches kommt zugut, Nur dem der heilig ist und gut: Durch gute Werk und Frommheit eben Erkauft er sich ein ewig Leben. Da sieh, so stehts um meine Werk: Von Sünden hab ich einen Berg So überschwer auf mich geladen, Daß mich Gott gar nit kann begnaden, Als er der Höchstgerechte ist.

Glaube: Bist du ein solcher Zweifelchrist Und weißt nit Gotts Barmherzigkeit?

Jedermann: Gott straft erschrecklich!

Glaube: Gott verzeiht! Ohn Maßen!

Jedermann: Schlug den Pharao, Schlug Sodom und Gomora, schlug, Schlug!

Glaube: Nein, gab hin den eignen Sohn In Erdenqual vom Strahlenthron, Daß als ein Mensch er werd geboren Und keiner ginge mehr verloren, Nit einer, nit der letzte, nein, Er finde denn das ewige Leben. 'Um der Sünder willen bin ich kommen, Der Gsund bedarf keines Arztes dann' Die Red ist aus dem Munde kommen, Der keine Lügen reden kann. Glaubst du daran in diesem Leben, So ist dir deine Sünd vergeben Und ist gestillet Gottes Zorn.

Jedermann: O, deine Worte sind gelind, Mir ist, als wär ich neugeboren. Ich glaube: So lang ich atme auf Erden, Mag ich durch Christum gerettet werden.

Glaube: Es ist an dem, nun geh hinein, Von deinen Sünden wasch dich rein.

Jedermann: Wo wär ein solcher heiliger Quell, Daß ich zu ihm mich hintrüg schnell?

Glaube: Ein guter Helfer wartet dein, Bei ihm wird deine Seele rein. Kehr wieder in einem weißen Gewand, Dann ziehest hin an meiner Hand Und mitzugehen deine Werk Gewinnen mächtig Kraft und Stärk.

Jedermann: O ewiger Gott! O göttliches Gesicht! O rechter Weg! O himmlisches Licht! Hier schrei ich zu dir in letzter Stund, Ein Klageruf geht aus meinem Mund. O mein Erlöser, den Schöpfer erbitt, Daß er beim Ende mir gnädig sei, Wenn der höllische Feind sich drängt herbei, Und der Tod mir grausam die Kehle zuschnürt, Daß er meine Seel dann hinaufführt. Und, Heiland, mach durch deine Fürbitt, Daß ich zu seiner Rechten hintritt, In seine Glorie mit ihm zu gehn. Laß dir dies mein Gebet anstehn, Um willen, daß du am Kreuz bist gestorben Und hast all unsre Seelen erworben.

Knecht: Was bleibt ihr stehen, Frau, zur Stund? Wie ist euch? seid ihr nit gesund? Wollt ihr leicht heim in euer Bett Statt nächtlings zu der Morgenmett?

Jedermanns Mutter: Sind wir denn so verspät’t alsdann Und hebt sich schon die Frühmett an? Ich hör ein also herrlich Klingen Als täten alle Engel singen!

Knecht: Verspätet sind wir keinerweis, Auch hör ich nichts, nit laut noch leis.

Jedermanns Mutter: Ich hörs und weiß im Herzen mein Das sind die himmlischen Schalmein. So singen sie vor Gottes Thron: Das geht auf meinen lieben Sohn. Ich spür zu dieser nächtigen Stund Ist seine Seele worden gesund. Er ist versöhnet Gott dem Herrn Des sterb ich freudiglich und gern. Erhört ist meine große Bitt, Und weiß daß ich einmal hintritt Vor Gottes meines Schöpfers Thron Und find dort meinen lieben Sohn. Bald lässest deine Dienerin In deinen Frieden fahren hin. Amen.

Knecht: Wollt ihr nit kommen, Frau? Die Zeit vergeht, es wird schon grau.

Glaube: Jedermann, so sei Gott mit dir, Als, wie ich dich nun und hier, In deines Erlösers Hand befehl, So sei deine Rechenschaft ohn Fehl.Nun faß dir einen fröhlichen Mut Nun kommen deine Werke gut Sind ledig all ihrer Beschwer Und treten starken Schrittes einher.

Werke: Jedermann, ich bins, deine Freundin, Ich segne dich in meinem Sinn, Du hast mich geschaffen von Schmerzen frei, Nun geh ich mit dir, wohin es auch sei.

Jedermann: O, meine Werke, wie ich eure Stimme hör, Muß ich vor Freuden weinen sehr.

Glaube: Nun sollst du weinen und trauern nimmermehr, Nein, freuen dich und fassen einen frohen Mut, Gott sieht dich von seinem Thron recht gut!

Jedermann: Dann ich nit Zögerung noch Aufschub such. Ihr Freunde ich mein wir gehen selbdritt, Von euch will ich mich scheiden nit.

Teufel: Halt Jedermann! Aufhalten Jedermann! Aufhalten! He! Hieher Gesell! Ich komm dich holen, bin zur Stell! He Jedermann, er ist hinein! Muß taub auf beiden Ohren sein! Was geht er denn in dieses Haus? Da hol ihn dieser und jener heraus! Ich warte derweilen an der Tür, Faß ihn, und meines Wegs ihn führ. Kann sein, er läßt mich warten lang, Mag er, ist mir um ihn nit bang. Ist mir verfallen mit Haut und Haar Und sicher wie lang schon keiner war.

Glaube: Halt da!

Teufel: Muß hier vorbei.

Glaube: Hie nit!

Teufel: Ganz unbedingt, hab dort zu tun.

Glaube: Hie ist kein Weg für deinesgleichen.

Teufel: Ein zänkisch Weib. Ich kann ausweichen.

Glaube: Hie ist kein Weg!

Teufel: Ich hab zu warten dort an der Tür In Amtsgeschäften, damit ich einen Der dort herauskommt dann mit mir Eines gewissen Weges führ.

Glaube: Ich führe Zwiesprach nit mit dir.

Teufel: Ich auch nit, geh halt da vorbei.

Werke: Hie ist kein Weg für dich.

Teufel: Geschrei! Gespiel! Belästigung!

Werke: Kein Weg!

Teufel: Kein Weg! Kein Weg! Ist hier kein Weg? Kein Boden? Nichts worauf mein Fuß Mag stehen, hüpfen, springen! Nein? Hier wird sogleich ein Weg mir sein!

Glaube: Willst dus mit deinen Fäusten richten Und stören unser fromm Gebet? Sieh, wer zu unsrer Hilf dasteht!

Teufel: Sind die Gesellen auch im Spiel Und wissen bessres nit zu schaffen Als hier zu lümmeln und zu gaffen So abends spät, wie morgens früh, Wenn andre Leut mit saurer Müh Nachgehen ihren Amtsgeschäften Mit schuldigem Eifer und besten Kräften! Ich frage, sind hier Zweifel im Spiel, Ist hier ein Handel in der Schweb, Nichts davon, nichts, so wahr ich leb. Sitzt einer hier unter euch allen, Der ins Gesicht mir tät bestreiten, Daß dieser Mensch mir ist verfallen! Ein prächtig Schwelger und Weinzecher, Ein Buhl, Verführer, und Ehebrecher, Ungläubig als ein finstrer Heide, In Wort und Taten frech vermessen Und seines Gottes so vergessen Wie nicht das Tier auf seiner Weide, Witwen und Waisen Gutsverprasser, Ein Unterdrücker, Neider, Hasser! Mir fehlen, ihn zu malen, die Wort! Und diesen will man mir verwehren, Daß ich ihm auf die Kappen geh Ihm jählings das Genick umdreh, Ihm zuschrei: Duck dich, Fleisch, und stirb! Und seine Seel für uns erwirb. Verharrt ihr drauf mit kaltem Blut Und bangt euch nit vor meiner Wut Und Zähn gefletscht und Fäust geballt? Und, daß Recht und Gerechtigkeit Gewappnet stehen auf meiner Seit?

Glaube: Auf deiner Seiten steht nit viel Hast schon verloren in dem Spiel Gott hat geworfen in die Schal, Sein Opfertod und Marterqual Und Jedermannes Schuldigkeit Vorausbezahlt in Ewigkeit.

Teufel: Seit wann? seit wo? wie geht das zu? Geschiehet das in einem Nu? Wenn eins sein Leben brav sich regt Und nur auf uns sein Tun anlegt, Recht weislich, fest und wohlbedacht Recht Stein auf Stein und Tag auf Nacht Wird solch ein wohlbeständig Ding In einem Augenzwinkern neu? Schmeißt ihr das um mit einem Wink?

Glaube: Ja solches wirkt die tiefe Reu, Die hat eine lohende Feuerskraft, Da sie von Grund die Seel umschafft.

Teufel: Ha! Weiberred und Gaukelei! Wasch mir den Pelz und mach ihn nit naß! Ein Wischiwasch! Salbaderei! Zum Speien ich dergleichen haß! Beweis! Gib eine einzig Red, Die vor Gericht zu Recht besteht!

Glaube: Vor dem Gericht, vor das er tritt, Bestehen deine Rechte nit, Die sind auf Schein und Trug gestellt Auf Hie und Nun und diese Welt, Die ist gefangen in der Zeit Und bleibt in solchen Schranken stocken, Wo aber tönet diese Glocken Hat angehoben Ewigkeit.

Teufel: Ich geb es auf, ich kehr mich um, Ich laß ihn, füttert ihn euch aus, Mich ekelts hier, ich geh nach Haus.

Teufel: Ein schöner Fall, ganz sonnenklar Und in der Suppe doch ein Haar! Tret arglos her, vergnügt im Sinn Und mein, zu melden mich als Erben. Ja Vetter, ja, da liegen die Scherben! „Hie ist kein Weg, hie ist kein Weg!“ Ah! Weiber! Fastensupp und Schläg, Das ist wie ich sie halten tät! Ein Anspruch der zurecht besteht Vor Türken, Mohren und Chinesen, Ff! Da ist Anspruch und Recht gewesen! Bläst mir ihn weg! „Hie führt kein Weg!“ Ich wollt, daß er im Feuer läg. Und kommt in einem weißen Hemd Erzheuchlerisch und ganz verschämt. Die Welt ist dumm, gemein und schlecht Und geht Gewalt allzeit vor Recht, Ist einer redlich treu und klug, Ihn meistern Arglist und Betrug.

Werke: Fühl ich nit kommen Jedermann? Er ist es, ja, und tritt herbei, Mir ahnte wohl, daß er es sei. Er hat seinem Herrn getan genug Des fühl ich an meinen Gliedern all, Die Kraft zu einem hohen Flug!

Jedermann: Nun gebet mir treulich eure Händ, Ich hab empfangen das Sakrament. Gesegnet sei, der mich das hieß tun Und also guten Rat mir sprach. Nun seid bedankt, daß ihr auf mich, Geharret habet sorglich Mit andächtigem Beten. Und nun laß uns die Reis antreten. Leg jeder die Hand an diesen Stab Und folge mir zu meinem Grab.

Werke: Ich heb vom Stab nit meine Händ, Zuvor die Reis kam an ihr End.

Glaube: Ich steh bei dir, so wie ich eh Stand hielt bei Judas Makkabee!

Jedermann: Nun muß ich ins Grab, das ist schwarz wie die Nacht, Erbarm dich meiner in deiner Allmacht.

Glaube: Ich steh dir nah und seh dich an.

Werke: Und ich geh mit, mein Jedermann.

Jedermann: O Herr und Heiland steh mir bei Zu Gott ich um Erbarmen schrei.

Werke: Herr laß das Ende sanft uns sein, Wir gehen in deine Freuden ein.

Jedermann: Wie du mich hast zurückgekauft, So wahre jetzt der Seele mein, Daß sie nit mög verloren sein Und daß sie am jüngsten Tag auffahr Zu dir mit der geretteten Schar.

Glaube: Nun hat er vollendet das Menschenlos, Tritt vor den Richter nackt und bloß Und seine Werke allein, Die werden ihm Beistand und Fürsprech sein. Heil ihm, mich dünkt es ist an dem, Daß ich der Engel Stimmen vernehm, Wie sie in ihren himmlischen Reihen Die arme Seele lassen ein.

Siehe auch

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